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Weltfrauentag am 08. März: Eine Rolle rückwärts?

Written by on 8. März 2021

Weltfrauentag am 08. März: Eine Rolle rückwärts? – Das Frauen- und Gleichstellungsbüro informiert

„Richtig vorangekommen sind wir mit der Gleichstellung von Frauen im letzten Jahr nicht,“ sagt Bettina Kuse, die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Kreisstadt Dietzenbach. „In vielen Familien war es ganz selbstverständlich, dass mehr Frauen (27 Prozent) als Männer (12 Prozent) ihre wöchentliche Arbeitszeit reduziert haben, damit der Alltag weiter funktionieren konnte, angesichts von geschlossenen Kitas, Schulen, Tagespflegeplätzen. Damit hat aber die Ungleichverteilung der Sorgearbeit bei Paaren während der Pandemie wieder zugenommen. Das sind wohl Rollenmuster, die einfach erlernt sind. Frauen sagen, dann mache ich das eben, damit wir das hinbekommen. Sie sind vermutlich pragmatischer oder lösungsorientierter.“

Es wird viel von Retraditionalisierung während der Pandemie gesprochen, doch was genau ist damit gemeint? Wo genau haben Frauen das Nachsehen während der Pandemie, wie wirken sich die Corona-Maßnahmen auf das Leben von Frauen anders aus als auf das von Männern? Und was sind die Ursachen dafür?
 

©Kreisstadt Dietzenbach – Bettina Kuse

Homeschooling, Homeoffice, Haushalt, Pflege von Angehörigen, Betreuung, Hilfe im Freundeskreis und in der Nachbarschaft: Die Corona-Pandemie stellt Frauen und Männer vor große Herausforderungen. Die aktuellen Umfrageergebnisse zeigen, dass die Verteilung der Aufgaben Zuhause vorwiegend klassischen Rollenbildern zwischen Mann und Frau folgt.
Im Zuge der Corona-Pandemie erleben Frauen eine zunehmende Dreifachbelastung von Erwerbs-, Sorge- und Koordinationsarbeit (»mentale Überlastung«), die nicht selten Erholung und Selbstfürsorge verhindert und daher in Zuständen der völligen Überforderung und Erschöpfung münden können. Eine Studie ergab bei 43,8 Prozent der Frauen ohne Kinder unter 14 Jahren eine erhöhte psychische und mentale Gesamtbelastung durch die Mehrfachbelastung, bei 48,5 Prozent der Frauen mit Kindern in einer Partnerschaft und bei 60 Prozent der Alleinerziehenden. Eine Belastung die wiederum Auswirkungen auf die Gesundheit, das Berufsleben und letztendlich auch Konsequenzen für die Rente hat.

Verlierer*innen der Krise

  • Verlierer*innen des letzten Jahres unter Pandemie-Bedingungen sind letztlich alle.
  • Aber ganz besonders Mütter, die ungleich stärker betroffen sind.
  • Väter erhöhten beispielsweise in den Wochen nach dem ersten Lockdown wieder schneller als Frauen ihre Arbeitszeit, gingen schnellere Schritte zurück in die Normalität.
  • Geringfügig Beschäftigte (mit Zweidrittel Frauenanteil), die keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld bzw. Kurzarbeitergeld hatten, wenn Betriebe wegen des Lockdowns schließen mussten.
  • Der hauptsächlich weiblich (zu 70 Prozent) besetzte Einzelhandel ist unter Corona stark von Schließungen betroffen, wobei das Kurzarbeitergeld sich am Nettogehalt orientiert, das aufgrund des Ehegattensplittings und der Lohnsteuerklasse V bei vielen verheirateten Frauen besonders niedrig ausfällt.
  • Andere Frauen machen einfach weiter, als Erzieherin, Pflegekraft, Kassiererin, Busfahrerin, Reinigungskraft, sie setzen sich tagtäglich einem Infektionsrisiko aus. Frauen in diesen „systemrelevanten Berufen“ infizierten sich übrigens rund 50 Prozent häufiger mit dem Corona-Virus als berufstätige Männer im Beruf.
  • Es sind tendenziell eher die Besserverdiener*innen (16 Prozent der Erwerbstätigen), die ins Homeoffice wechseln können. Das benachteiligt Frauen, die nach wie vor 20 Prozent weniger Einkommen als Männer haben.
  • Der Frauenanteil in DAX-Vorständen in Deutschland sinkt – entgegen dem Trend in den Nachbarländern – in der Krise auf den Stand von 2017. Aktuell beträgt die Frauenquote 12,8 Prozent.
  • Die Anzahl der Veröffentlichungen von Wissenschaftlerinnen sind seit Beginn der Pandemie wesentlich zurückgegangen, die von Männern gestiegen, was ebenfalls auf eine ungleiche Belastung durch Erwerbs- und Fürsorgearbeit verweist.
  • Und nach allem, was die Beratungsstellen wegen Partnerschaftsgewalt melden, leiden Frauen und Kinder zunehmend unter häuslicher Gewalt. Existenzsorgen, räumliche Enge, Überforderung lassen die Zahlen von Opfern häuslicher Gewalt ansteigen. – Die bundesdeutsche Statistik zeigt, welche Gefahr von Partner und Expartner für Frauen ausgehen kann: Mehr als einmal pro Stunde wird eine Frau in Deutschland von ihrem (Ex-)Partner körperlich angegriffen und jeden dritten Tag wird eine Frau von ihrem (Ex-) Partner getötet. Angesichts der hohen Zahlen der Fälle häuslicher und sexualisierter Gewalt sind die Beratungsstellen und Frauenhäuser maßlos überlastet. Viele Frauen, die Hilfe brauchen, werden aufgrund fehlender Kapazitäten abgewiesen.

Home-Office-Möglichkeit bietet neue Flexibilität

Auf lange Sicht könnte die Corona-Krise jedoch kulturelle Normen verändern und Frauen auch Vorteile verschaffen. Das hängt damit zusammen, dass aufgrund der Krise viele Menschen die Möglichkeiten des Homeoffice nutzen. Von dieser neuen Flexibilität könnten Eltern und Kinder gleichermaßen profitierten, wenn die Idee dahinter tatsächlich Flexibilisierung und Orientierung an den verschiedenen Lebensphasen meint, und nicht nur ein Einsparpotential von Raum und Ausstattung. Auch der mögliche Nachteil im Homeoffice „unsichtbar“ für Personalentwicklungsmaßnahmen zu werden, muss beachtet werden.

Lernen aus der Krise

In der Bewältigung der Pandemie ergreift die Politik viele Maßnahmen, die erhebliche Konsequenzen für die Menschen haben und haben werden – und dies unter einem extremen Zeitdruck. Durch einen geschlechtersensiblen Blick kann die Situation während und möglicherweise noch besser nach der Pandemie verstanden werden: Welche Auswirkungen haben Maßnahmen auf Frauen und Männer?

Eine analytische Durchdringung der aktuellen Problemlagen (auch) nach Geschlecht würde Politik besser, zielgerichteter und gerechter machen – auch, bzw. gerade in Krisenzeiten. Denn durch eine stärkere Berücksichtigung der Lebenssituation und Bedarfe von Frauen können strukturelle Benachteiligungen gemindert werden – und dazu braucht es weiter die Expertise von Expert*innen in allen Bereichen – und einen politischen Willen.

Die entscheidende Frage wird sein, wer oder was nach der Corona-Krise weiterhin schlecht bezahlt aber „systemrelevant“ sein wird und ob sich der nun angeschärfte Blick auf die Care-Arbeit und die Geschlechterverhältnisse Geltung verschaffen kann. Sprich: Ob wir als Gesellschaft in der Lage sein werden aus dieser Katastrophe zu lernen.
Dann fällt im nächsten Jahr die Bilanz zum Internationalen Frauentag vielleicht schon viel positiver aus.

Beratungsangebot im Rathaus

Das Frauen- und Gleichstellungsbüro im Rathaus bietet telefonische Sprechstunden an – für Frauen in allen Lebenslagen oder mit Gleichstellungsanliegen in Einzelfällen: Mo, Di, Do von 9.00 bis 13.00 Uhr und Di von 14.00 bis 16.00 Uhr, Tel: 06074 373-240. Diese Gespräche sind vertraulich und können auch gerne anonym erfolgen.


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